Politische Bildung: dauerhafte Angebote gegen Extremismus dienen der Zukunftsvorsorge der Demokratie

Im Zusam­men­hang mit den erschre­cken­den Ent­wick­lun­gen und stän­dig neuen Erkennt­nis­sen zum Rechts­ex­tre­mis­mus in unse­rer Gesell­schaft wird jetzt nach mehr Über­wa­chung und nach Ver­bo­ten geru­fen. Es ist unglaub­lich, was über Jahre hin­weg prak­tisch unbe­ach­tet in unse­rer Gesell­schaft gesche­hen konnte. Erschre­ckend sind auch die Ein­stel­lun­gen und Über­zeu­gun­gen, die die­sem Han­deln zugrun­de­lie­gen. Für unsere demo­kra­ti­sche Gesell­schaft ist es äußerst bedenk­lich, dass die Akteure dabei auf still­schwei­gende oder aktive Unter­stüt­zung aus der Bevöl­ke­rung zurück­grei­fen konn­ten. Wel­che Reak­tio­nen not­wen­dig sind, lässt sich der­zeit noch nicht beur­tei­len. In einem ers­ten Schritt sind auf jeden Fall mehr Infor­ma­tion und Auf­klä­rung not­wen­dig: Wel­che Straf­ta­ten wur­den tat­säch­lich geplant oder aus­ge­führt? Was wuss­ten die staat­li­chen Über­wa­chungs­or­gane und warum wuss­ten sie vie­les nicht?

Kon­kret soll­ten wir uns fra­gen, was sich in der Gesell­schaft ändern muss, damit demo­kra­tie­feind­li­che Ideo­lo­gien, die Frem­den­feind­lich­keit oder Ras­sis­mus pro­pa­gie­ren, nicht still­schwei­gend hin­ge­nom­men wer­den oder aktiv unter­stützt werden.
Wenn diese Fra­gen beant­wor­tet und die erfor­der­li­chen Maß­nah­men ergrif­fen wor­den sind, dann sollte in einem zwei­ten Schritt gefragt wer­den, wie es soweit kom­men konnte. Kon­kret soll­ten wir uns fra­gen, was sich in der Gesell­schaft ändern muss, damit demo­kra­tie­feind­li­che Ideo­lo­gien, die Frem­den­feind­lich­keit oder Ras­sis­mus pro­pa­gie­ren, nicht still­schwei­gend hin­ge­nom­men wer­den oder aktiv unter­stützt wer­den. Wir müs­sen diese Ein­stel­lung als das erken­nen und brand­mar­ken, was sie im End­ef­fekt bewirkt: Die Zer­stö­rung unse­rer Gesell­schaft. Einer Gesell­schaft, die auf der Ach­tung der Men­schen­rechte fußt, Gerech­tig­keit sichert und als Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zip in Bezug auf Ent­schei­dun­gen demo­kra­ti­sche Ver­fah­rens­wei­sen beach­tet. Gesell­schaft­li­che Grup­pen, Medien und Poli­tik sind auf­ge­for­dert, das eigene Ver­hal­ten zu über­prü­fen, wo es nega­ti­ven Ent­wick­lun­gen Vor­schub leis­tet. Die Wis­sen­schaft ist noch mehr als bis­her gefor­dert, Ursa­chen und Zusam­men­hänge zu erforschen.

Schule, Jugend– und Erwach­se­nen­bil­dung sollte noch inten­si­ver demo­kra­ti­sche Grund­bil­dung betrei­ben. Poli­ti­sche Bil­dung leis­tet hier einen wich­ti­gen Bei­trag: gerade mit ihren non-formalen Ange­bo­ten ist sie ganz nah an den Lebens­wel­ten der Men­schen. Sie setzt dabei nicht auf Kon­fron­ta­tion, son­dern im Gegen­teil auf Dia­log und Aus­tausch. Sie ist somit Seis­mo­graph für gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen – ganz ohne V-Leute. Nur mit die­ser prä­ven­ti­ven Grund­hal­tung, die Eigen­hei­ten und Vor­züge unse­res demo­kra­ti­schen Sys­tems aktiv ver­mit­telt ohne des­sen Gren­zen und Pro­bleme aus­zu­blen­den, wird es gelin­gen, auch zukünf­tig den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt zu garan­tie­ren. Die Geg­ner ste­hen nicht wie frü­her der Gesell­schaft gegen­über, son­dern wir­ken mittendrin.

Poli­ti­sche Bil­dung kann nur wir­ken, wenn sie lang­fris­tig ange­legt ist und über eine Infra­struk­tur ver­fügt. Natür­lich kön­nen auch beson­dere Akti­ons­pro­gramme etwas errei­chen, doch die zusätz­li­che Ver­wal­tung neben den beste­hen­den Sys­te­men schafft Dop­pel­ar­beit und unnö­ti­gen Verwaltungsaufwand.
Die Situa­tion ist also dra­ma­tisch. Spä­tes­tens jetzt soll­ten bun­des­weit alle gesell­schaft­li­chen Kräfte und finan­zi­el­len Res­sour­cen für eine demo­kra­ti­sche Gesell­schaft mobi­li­siert wer­den. Den­noch ver­folgt der Deut­sche Bun­des­tag noch eine gegen­tei­lige Rich­tung: In den Jah­ren 2012 und 2013 sol­len die Mit­tel für die Bun­des­zen­trale für poli­ti­sche Bil­dung (bpb) gekürzt wer­den. „Demo­kra­ti­sches Bewusst­sein“, so hat Bun­des­tags­prä­si­dent Dr. Nor­bert Lam­mert es ein­mal auf einer bap-Veranstaltung for­mu­liert, „fällt nicht vom Him­mel“. Demo­kra­tie muss immer wie­der neu gelernt wer­den. Poli­ti­sche Bil­dung kann nur wir­ken, wenn sie lang­fris­tig ange­legt ist und über eine Infra­struk­tur ver­fügt. Natür­lich kön­nen auch beson­dere Akti­ons­pro­gramme etwas errei­chen, doch die zusätz­li­che Ver­wal­tung neben den beste­hen­den Sys­te­men schafft Dop­pel­ar­beit und unnö­ti­gen Ver­wal­tungs­auf­wand. Es wird auch dau­ern, bis sie in Funk­tion sind. Im Namen des bap for­dere ich des­halb die Zustän­di­gen im Bun­des­tag und Innen­mi­nis­te­rium noch ein­mal nach­drück­lich auf, die Kür­zun­gen aus aktu­el­lem Anlass zurück­zu­neh­men und die Mit­tel auf­zu­sto­cken. Die Trä­ger der Infra­struk­tur poli­ti­scher Bil­dung sind bereits in Bezug auf die aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen durch die rechts­ex­tre­men Ent­wick­lun­gen aktiv und könn­ten ihre Bil­dungs­an­ge­bote ver­stär­ken. Auf der Grund­lage ihrer wert­ge­bun­de­nen Bil­dungs­ar­beit leis­tet poli­ti­sche Bil­dung einen uner­setz­li­chen Bei­trag zum Erhalt unse­rer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft. Das soll auch in Zukunft so bleiben.

Lothar Harles
Vor­sit­zen­der bap
Bonn, den 29. Novem­ber 2011

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