Das Leben ist kein Ponyhof

Hartz-IV-Empfänger und Poli­ti­ker an einen Tisch zu set­zen, klingt erst mal nach einem gewag­ten Plan. Wenn diese bei­den Grup­pen dann auch noch einen poli­ti­schen Dia­log füh­ren sol­len, wird es erst recht aben­teu­er­lich. Wie das Ganze funk­tio­nie­ren kann, zeigt das Pro­jekt „Poli­tik trifft Hartz IV. Neue Ver­bin­dun­gen wagen“. Die mutige Aktion wurde mit dem zwei­ten Platz beim Preis Poli­ti­sche Bil­dung 2011 aus­ge­zeich­net – zu Recht.

Das Nell-Breuning-Haus heißt in der Fach­spra­che: Ein­rich­tung der poli­ti­schen Bil­dung und Maß­nah­me­trä­ger für ver­schie­dene arbeits­markt­in­te­gra­tive Pro­jekte der Job­cen­ter der Städ­te­re­gion Aachen. Was so eine Ein­rich­tung macht? Zum Bei­spiel ein Semi­nar mit dem Titel „Das Leben ist kein Pony­hof“ anbie­ten. 25 Lang­zeit­ar­beits­lose besuch­ten die kos­ten­lose zwei­tä­gige Ver­an­stal­tung inklu­sive Übernachtung.

Doch auch das Semi­nar selbst war kein Pony­hof – die aktive Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Thema Arbeits­lo­sig­keit sollte die Betrof­fe­nen dazu bewe­gen, sich für ihre Anlie­gen ein­zu­set­zen. Der Frust über die eigene Lebens­lage und das ver­lo­rene Ver­trauen in die Demo­kra­tie muss­ten außen vor gelas­sen wer­den, so dass schnell die Erkennt­nis reifte: Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit ist kein Schick­sal. Bei der Erar­bei­tung die­ser Ein­sicht wur­den krea­tive Metho­den wie poli­ti­sches Thea­ter und Foto­gra­fie ein­ge­setzt, damit auch bil­dungs­ferne Teil­neh­mer einen spie­le­ri­schen Zugang zur Pro­ble­ma­tik fin­den konnten.

Arbeits­lose und Poli­ti­ker im Diskussionscafé

Nach­dem der Grund­stein für die Beschäf­ti­gung mit dem unbe­que­men Thema gelegt war, reifte schnell die Idee, eine Tagung statt­fin­den zu las­sen. Drei Grup­pen gin­gen aus dem Semi­nar her­vor: „Jugend und Hartz IV“, „Fami­lie und Hartz IV“ und „50plus und Hartz IV“. So konn­ten drei Foren gebil­det wer­den, die den Tagungs­gäs­ten auf ganz eigene Art ihre Sicht­weise näher brach­ten. Filme, pan­to­mi­mi­sches Thea­ter und eine Kunst­aus­stel­lung zeig­ten die gesamte Band­breite der Gemein­sam­keit „Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit“. Den Kern der von den Teil­neh­men­den selbst orga­ni­sier­ten Tagung bil­dete das Dis­kus­si­ons­café, bei dem sich je fünf Arbeits­lose und vier Poli­ti­ker an einem Tisch gegenübersaßen.

Der rege Aus­tausch von ins­ge­samt 200 Lang­zeit­ar­beits­lo­sen mit Lan­des– und Bun­des­po­li­ti­kern über­raschte alle Betei­lig­ten. Wäh­rend die einen vor­her dach­ten, ihr Pro­gramm sei doch an den Bedar­fen der ande­ren aus­ge­rich­tet, dach­ten die ande­ren, sie seien sowieso nicht fähig zu poli­ti­scher Aktion. Doch der Dia­log auf Augen­höhe bewies die leben­dige Demo­kra­tie – und die Auf­fas­sun­gen bei­der Sei­ten muss­ten kor­ri­giert wer­den. Mit unge­brems­tem Enthu­si­as­mus steht als nächs­tes Pro­jekt eine ähn­li­che Ver­an­stal­tung im Düs­sel­dor­fer Land­tag mit dem Arbeits­mi­nis­ter auf dem Programm.

Koope­ra­ti­ons­part­ner des Nell-Breuning-Hauses für die­ses Pro­jekt sind das DGB Bil­dungs­werk NRW, der Ver­ein Pro­Ar­beit Aachen e.V. und der För­der­ver­ein für Arbeit, Umwelt und Kul­tur in der Region Aachen e.V.

Der Bun­des­aus­schuss Poli­ti­sche Bil­dung (bap) hat in die­sem Jahr zum zwei­ten Mal den „Preis Poli­ti­sche Bil­dung“ ver­lie­hen. Geför­dert wurde er erneut vom Bun­des­mi­nis­te­rium für Fami­lie, Senio­ren, Frauen und Jugend und der Bun­des­zen­trale für poli­ti­sche Bil­dung (bpb). Rund 200 Bewer­bun­gen und Pro­jekt­vor­stel­lun­gen gin­gen dabei ein. Da jedoch nicht nur die Preis­trä­ger Poli­ti­sche Bil­dung und Poli­ti­sche Par­ti­zi­pa­tion in beson­de­rer Weise the­ma­ti­siert haben, sol­len die Nomi­nier­ten und wei­tere, aus­ge­wählte Pro­jekte in der Reihe „Pro­jekt des Monats“ noch ein Mal vor­ge­stellt wer­den. Sie alle zeich­nen ein leben­di­ges Bild der Poli­ti­schen Bildung.

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